“Tatjana Turanskyj gehört zu den spannendesten Regisseurinnnen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit.”  

Maike Mia Höhne, Berlinale

 

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“In Marita Nehers und Tatjana Turanskyjs gemeinsamem Film „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ ist der Titel Programm: Nach und nach verlieren zwei Frauen, die Kohärenz in ihrem Weltbild. Aus der Reibung ihrer beiden Perspektiven Engagement, Arbeit und Kapitalismus entspringt ein Road Movie durch die griechische Provinz, auf der Suche nach unsichtbaren Grenzen und einer Haltung zur Gegenwart.

Das Griechenland in diesem Film ist das Schattenreich der Angelopoulos Filme der Spätachtziger, ein „unscheinbares Gelände unerlöster Geschichte“, wie Karsten Witte einst formulierte, kongenial fotografiert von Kathrin Krottenthaler. Lange Fahraufnahmen, qualmende Autos, Ziegen auf der Fahrbahn, Büffel versperren den Weg. Dort, im Norden Griechenlands stolpert eine deutsche Journalistin (Nina Kronjäger) herum, auf der Suche nach einer Story über die Flüchtlinge, die hier nach Europa fliehen. Ganz in existenzialistisches Schwarz gekleidet, klettert sie wie eine Krähe auf Bäume, läuft durch Olivenhaine, antike Grabungsstädte: In dieser Landschaft ist sie ein schwarzes Loch, das alles Leid der Landschaft, die verborgenen Tragödien anzieht. Nina Kronjäger spielt diese Frau stoisch und verletzlich zugleich. Am Ende liegt sie unter einer riesigen Griechenlandkarte begraben in ihrem Hotelzimmer. Wo ist der Orient, wie können wir uns orientieren? Die Einsamkeit der Journalistin ist das Paradigma für das unsichtbare Drama.

Unsichtbar in diesem Film sind die Flüchtlinge. Die Camps, in die sie gesteckt werden, offenbaren vom Hügel oben gesehen ihre gefängnishafte Struktur. Näher als auf Rufweite kommen wir nicht ran. Das Drama bleibt eine Schimäre. Die Schatten der Vögel, der schwarzen Katzen, die Tiere, die fotografiert werden, künden davon. In der horizontlosen Weite des Meeres halluzinieren wir die Flüchtlingsboote herbei.

Auf der Reise trifft die Journalistin eine deutsche Flüchtlings- Aktivistin, im Film eine Möglichkeit, dialogisch Position zu beziehen. Amy (Anna Schmidt), die Aktivistin, stets in ihren übergroßen Parka gehüllt, die Wollmütze tief in der Stirn, bietet ihr Paroli, stellt sie in Frage. Die beiden sind wie zwei Seiten einer Medaille, streiten sich, trennen sich, versöhnen sich, ohne ihre Positionen aufzugeben. „Ich will ganz altmodisch arbeiten für mein Geld“, sagt die Reporterin zur Aktivistin, die mit ihren Eltern in der Hinterhand keine finanziellen Sorgen hat und sich so ihrer politischen Arbeit widmen kann. Damit sei sie Teil des Systems, das sie bekämpft, wirft die Journalistin ihr vor. Die Debatte dreht sich wie das Karussell auf dem Kinderspielplatz hilflos im Kreis.

Eigentlich könnten die beiden fast eine Figur in unterschiedlicher Ausführung sein. Idealismus und Pragmatismus offenbaren beide. Ihre Reise zusammen ist nicht zwangsläufig, sondern, wie alles in diesem Film, von einem zerbrechlichen Zusammenhalt, ein loses Band, ein Adriane- Faden. Gemeinsam begegnen sie Menschen, der Film von Tatjana Turanskij und Marita Neher wird dann dokumentarisch situativ. In diesen Begegnungen erfahren wir von der Tragödie, die sich in dieser Welt abspielt.

Wie begreift man das Elend der Flüchtlinge? Indem man den Flüchtlingsfriedhof sucht, mit Hilfe eines Bauern schließlich findet, eine umzäunte Landschaft ohne ein einziges Hinweisschild. Hier sollen Flüchtlinge begraben sein? Man kann das, was man sieht, nicht einordnen, nicht begreifen. Griechenland im Regen, Himmel, Licht, die Wiege Europas, verweigert sich. Gut, dass wenigstens am Kleistpark noch ein paar nackte Adonisse posieren.”

Der Filmemacher Michael Busch, in “Sehen”, Volksbühne-am-Rosa-Luxemburg-Platz